Wenn es ein 'Mekka' für Paddler gibt, dann ist es die Mecklenburgische Seenplatte in Ostdeutschland. Dutzende, wenn nicht hunderte Seen, die mit Flüssen und Kanälen miteinander verbunden sind. Inbegriff von Freiraum und Genuss, wohin man legal fliehen konnte während der DDR-Zeit. Traditionelle Seekajak-Marken wie Klepper oder Pouch stammen von hier.
In dieser traditionsreichen Gegend nahm ich mir vor, von Templin in den uckermärkischen Gewässern aus die Havel hoch bis zur ihrer Quelle zu paddeln. Erst durch die Schorfheide, wo heute Wölfe zuhause sind. Im Dauerregen von Schleuse zu Schleuse, um welche alte Geschichten während der russischen Besatzung erzählt werden. Dies beim einzigen Unterstand weit und breit in diesem Niemandsland, wo nicht weit vom Wasser weg die militärischen Übungen abgehalten wurden, mit entsprechender Hinterlassenschaft, mit der man lieber nicht Bekanntschaft schliessen sollte - erzählt von Einheimischen, die als 70-Jährige für ein paar Wochen wieder einmal diese Ecke bepaddeln. Gemeinsam dann zum nahen Hofladen und einzigen Verpflegungsort weit und breit, wo wir bei einem ausgewanderten Schweizer und seiner norddeutschen Frau das allsamstägliche Ziegenfleischmahl geniessen. Die hatten den Hof gekauft, als nach der Wende alles spottbillig zu haben war.
Dann endlich begann der Regen abzuklingen. Die ersten Sonnenstrahlen am Stolpsee liessen das Paradies erahnen, welches ich am Tag darauf erpaddeln sollte: Einmal Himmelpfort und zurück, dazwischen Lychen besucht, ein kleines altes Städtchen, wo die Strassen allesamt mittelalterlich gepflastert sind, wie in allen Orten in der Gegend. Auch Fürstenberg und Wesenberg lohnen sich, besichtigt zu werden.
An den Rändern finden sich kaum Ausstiegsstellen oder gar Strände. Also begann ich damit, Wildkräuter vom Wasser aus zu verzehren. Gekautes Schilf aus dem Wasser ist sehr schmackhaft, wie Riesengras. Auch Himbeeren ragten hin und wieder in meine Reichweite. Die runde Frucht der Erle schmeckt ungewohnten Mündern ziemlich bitter, ist aber bestimmt sehr eiweissreich.
Der absolute Höhepunkt und Geheimtipp ist die Havel-Quellregion. Auch wenn der Havel-Teil der Seenplatte auch zur Ferienzeit überhaupt nicht überlaufen ist und Motorboote sich meist nur vor und nach Schleusen etwas häufiger zeigen, ist der Teil nördlich von Wesenberg etwas wirklich Einmaliges. Schon der Grosse Labussee lässt bei auffrischendem Westwind das abenteuerliche Gefühl eines Kanada-Trips aufkommen und wird dann getoppt durch den ruhigen und verträumten Kleinen Labussee, nur getrennt durch eine kurze schilfgesäumte Verbindungsstrecke. Zuhinterst ein kleiner Familien-Campingplatz im Wald, mit Lagerfeuer, Live-Musik und Fisch-Soljanka. So klingt ein perfekter Tag aus.
Alle weiteren Seen hinauf bis zu meinem Zielort Kratzeburg herrscht dann Motorbootverbot. Den Unterschied merkt man rasch: Die Tierwelt und der einsame Paddler haben es noch einen Zacken ruhiger und gemächlicher. Einfach Staunen. Die Seele baumeln lassen. Und dann - ganz versteckt nach einer kurzen Strecke durch einen verschilften Kanal getreidelt (das Gefährt gezogen) - der Jamelsee.
Der Jamelsee ist einerseits Kinderstube für viele lokale Fischarten, andererseits Kinderstube für angehende Paddlerinnen und Paddler, aber auch Fischerinnen und Fischer. Im sogenannten 'Hexenwäldchen' existiert ein naturbelassender Campingplatz mit sehr familienfreundlicher Ausrichtung. Das Miteinander als Basis. So lässt sich's leben.















